Zitate über Onlinejournalismus
In der Welt des Web 2.0 wird ja so vieles gesagt und prophezeit. Vieles davon verhallt jedoch als Twitter-Tweet oder Blogeintrag im unendlichen Webuniversum. Seit einiger Zeit sammele ich (haltbare) Zitate zum Thema Onlinejournalismus. Was erwartet die Journalisten der Zukunft? Wie geht es weiter in den Medien? Was soll guter Onlinejournalismus sein?
Hier meine Top Ten, völlig subjektiv ausgewählt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
1. Big Media, in any event, treated the news as a lecture. (..) Tomorrow’s news reporting and production will be more of a conversation, or a seminar.
Dan Gillmor, Grassroot-Journalismus Vordenker und Autor des Buches “We the Media”, 2004
2. Inhalte ohne Links haben wenig Wert im Netz.
Jeff Jarvis, Medientheoretiker und Autor von “What would Google do?”, 2008
3. Web users expect to read about news as it happens.
Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, 2007
4. Verleger müssen wie Google denken. (..) Google verteilt seine Produkte über das Internet, seine Landkarten, seine Videos und seine Werbung. Das ist das neue Modell.
Jeff Jarvis, Medientheoretiker und Autor von “What would Google do?”, 2008
5. Das Internet ermöglicht eine unkomplizierte Teilhabe einer Menge von Menschen. Das ermöglicht es dem Journalismus, deren Begabungen zu nutzen.
Jay Rosen, Professor für Journalismus an der New York University, Autor des Blogs PressThink und Betreiber von NewsAssignment.net, 2008
6. Viele halten das Internet für ein oberflächliches Medium, dabei ermöglicht es einen tiefgründigen Journalismus mit einer Vielfalt an Perspektiven, die reicher ist als alles, was wir aus der analogen Welt kennen.
Jan Eric Peters, Direktor der Axel-Springer-Akademie, 2007
7. Man braucht ein eigenes Profil, eine eigene Identität, das ist extrem wichtig. Wenn Sie es nicht schaffen, eine eigene Online-Marke aufzubauen, dann ist es ganz knifflig.”
Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur des Spiegel, 2004 (in einem Interview mit dem Medium Magazin)
8. Wer glaubt, eine glorreiche Vergangenheit schütze ihn vor den durch den technologischen Fortschritt befeuerten Umwälzungen, wird scheitern und fallen.
Rupert Murdoch, Medien-Tycoon und Ex-Internet-Skeptiker, 2006
9. Ich glaube, dass die Leute lernen, sich nicht auf Gatekeeper zu verlassen, sondern sich ihre Medien selbst zusammenbasteln.
Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Blogger, 2007
10. You get lousy pennies on the web
Hubert Burda, Verleger, auf der DLD (Digital, Life, Design) - Konferenz 2009
Hier gibt es diese Zitate in der Langversion und noch mehr Zitate.
Das Google-Prinzip
Verleger müssen wie Google denken. Sie denken aber meist noch wie Yahoo, der letzte Vertreter der alten Medienunternehmen im Netz. Yahoo will die Inhalte besitzen und die Menschen dazu bewegen, auf die Yahoo-Seite zu kommen. Diesen Menschen soll dann so viel Werbung wie möglich gezeigt werden. Das ist das alte Modell. Google dagegen verteilt seine Produkte über das Internet, seine Landkarten, seine Videos und seine Werbung. Das ist das neue Modell. Ich wünschte, mehr Medien würden diesen Weg gehen. Denn Google versteht das Internet besser als jeder andere.
Und warum Links so wichtig sind:
Mit diesen Empfehlungen von anderen Internetseiten werden neue Leser gewonnen, die über die Marke nicht gekommen wären. Inhalte ohne Links haben wenig Wert im Netz.
Jeff Jarvis, Medientheoretiker und Autor von “What would Google do?”, 2008
Das Mitmach-Medium
Das Internet ermöglicht eine unkomplizierte Teilhabe einer Menge von Menschen. Das ermöglicht es dem Journalismus, deren Begabungen zu nutzen. Jeder kann heute mit den Werkzeugen der Medienproduktion umgehen, und genau das ist es, was diese neue Phase für die Presse so spannend macht: Viele Menschen machen mit, und das ist großartig.
Früher mussten Journalisten bloß die Schreibmaschine bedienen, um alles Weitere hat sich eine andere Abteilung gekümmert. Heute sind Journalisten umso wertvoller, wenn sie mit der Technologie flexibler umgehen und auf mehreren Ebenen publizieren. Darüber hinaus müssen sie lernen, durch die von Lesern bereitgestellten Informationen die Qualität ihrer eigenen Berichterstattung und ihrer Recherche zu optimieren. Schließlich müssen Journalisten bereit sein, sich selbst neu zu erfinden. Die guten alten Zeiten sind vorbei, in denen man in einer stabilen Organisation eine Position ausfüllen konnte – das gibt es in der heutigen Medienwelt nicht mehr. Journalisten müssen lernen, unternehmerischer zu denken, eigene Unternehmen zu gründen und allein oder in kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten.
Jay Rosen, Professor für Journalismus an der New York University, Autor des Blogs PressThink und Betreiber von NewsAssignment.net, 2008
Mehrdimensionales Storytelling
Viele halten das Internet für ein oberflächliches Medium, dabei ermöglicht es einen tiefgründigen Journalismus mit einer Vielfalt an Perspektiven, die reicher ist als alles, was wir aus der analogen Welt kennen. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die zu einer neuen Form des Geschichtenerzählens führt. Seit Urzeiten wurden Geschichten linear erzählt, immer von A nach B. Wie bei einem Zeitungsartikel: Vom packenden Einstieg über den Höhepunkt zum schönen Schluss. Das passt eigentlich nicht zum menschlichen Denken, das keineswegs linear funktioniert. Denken hat mit Assoziationen zu tun, mit Erinnerungen und Begriffen, die aus verschiedenen Richtungen kommen, und aus denen sich dann eine Erkenntnis formt. Genau so werden Geschichten im Internet erzählt. Hier wird von A nach D und zugleich nach C und auch nach B gedacht. Geschichten funktionieren kreuz und quer und crossmedial.
Jan Eric Peters, Direktor der Axel-Springer-Akademie, 2007
Onlinejournalismus überschätzt?
Die Relevanz von Online wird meiner Meinung nach überschätzt. Das ist doch Schlagzeilen-Journalismus. Man fängt um 10 Uhr an und um 16.30 Uhr fallen die Klickraten wie ein Stein in den Keller. Die meisten lesen, während sie arbeiten. Rein und raus, schnell. Da ist auch keine Anzeigenrelevanz.
Walter Pincus (Jg. 1932), Pulitzer-Preisträger, investigativer Journalist
Very, very good stuff
There is an enormous change taking place in this country in journalism. And it is online. We are eventually — and I hate to tell this to The New York Times or the Washington Post — we are going to have online newspapers, and they are going to be spectacular. And they are really going to cut into daily journalism. I’ve been working for The New Yorker recently since ’93. In the beginning, not that long ago, when I had a big story you made a good effort to get the Associated Press and UPI and The New York Times to write little stories about what you are writing about. Couldn’t care less now. It doesn’t matter, because I’ll write a story, and The New Yorker will get hundreds of thousands, if not many more, of hits in the next day. Once it’s online, we just get flooded.
So, we have a vibrant, new way of communicating in America. We haven’t come to terms with it. I don’t think much of a lot of the stuff that is out there. But there are a lot of people doing very, very good stuff.
Seymour Hersh, Journalisten-Legende, 2007
Conversation ist the Kingdom
Distribution is not king. Content is not king. Conversation is the kingdom. But in this new age, you don’t want to own the content or the pipe that delivers it. You want to participate in what people want to do on their own. You don’t want to extract value. You want to add value. You don’t want to build walls or fences or gardens to keep people from doing what they want to do without you. You want to enable them to do it. You want to join in.
Jeff Jarvis, “Who wants to own content?”, buzzmachine
Journalism turns from lecture to conversation
Big Media, in any event, treated the news as a lecture. We told you what the news was. You bought it, or you didn’t. You might write us a letter; we might print it. … Tomorrow’s news reporting and production will be more of a conversation, or a seminar. The lines will blur between producers and consumers, changing the role of both in ways we’re only beginning to grasp now. The communication network itself will be a medium for everyone’s voice, not just the few who can afford to buy multimillion-dollar printing presses, launch satel lites, or win the government’s permission to squat on the public’s airwaves. This evolution - from journalism as lecture to journalism as a conversation or seminar - will force the various communities of interest to adapt. Everyone, from journalists to the people we cover to our sources and the former audience, must change their ways.
Later this month, O’Reilly will publish Dan’s first book, We the Media. In the book Dan writes that grassroots journalists (such as bloggers) are dismantling Big Media’s monopoly on the news, transforming it from a lecture to a conversation. He believes the impact is just beginning to be felt by professional journalists and the newsmakers they cover. The public relations profession needs to adapt too and Dan devotes much of an entire chapter to this topic.
Dan Gillmor, Grassroot-Journalismus Vordenker und Autor des Buches “We the Media”, 2004
Imperial Overstretch
Man ist nicht Tageszeitung, Wochenzeitung und Fernsehkanal zugleich. Man muss aufpassen, dass es nicht zum ‘Imperial Overstretch’ kommt.
Chefredaktor Roger Köppel über den Internet-Auftritt seiner Weltwoche, November 2008 (persoenlich.com)
Das vertikale Internet
Globalisierter Journalismus, Internet-Journalismus unterscheidet sich grundlegend vom Zeitungsjournalismus. Denn er hat eine ganz andere Funktion. Im Internet erfahre ich schneller mehr über das, von dem ich schon weiß, dass es mich interessiert. (..) In der Zeitung dagegen erfahre ich etwas über Dinge, von denen ich noch gar nicht wußte, dass sie mich interessieren könnten. Ich wollte etwas über Rückenschmerzen lesen und bleibe an einem Text über Urlaub auf den Malediven hängen.
Die Zeitung wirkt erweiternd, das Internet vertiefend. Die Zeitung funktioniert horizontal, das Internet vertikal. Der zweite Wesensunterschied ist: Im Internet führt der Nutzer den Journalisten. In der Zeitung wird der Leser geführt. Das Internet hat das Hierarchieverhältnis verkehrt. Es hat einen selbstlos antiautoritären, basisdemokratischen Gestus.”
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Springer AG, Mai 2006
Schreckensvision für manche Kollegen
Ich glaube, dass der Journalismus eine Neudefinition erfahren wird. (..) Vergangenheit ist: Der Journalist recherchiert, er schreibt, er wird publiziert, der Leser liest und fertig. Die Zukunft wird sein: Der Journalist findet ein Thema, er recherchiert, er strukturiert und wird publiziert. Aber das war es noch nicht: Der Journalist bleibt am Ball, er beobachtet, wie sich dieser erste thematische Impuls entwickelt. Er wird für den Leser Ansprechpartner, er trägt Mitverantwortung für die vielleicht folgenden Diskussionen und moderiert diese. Vor diesem Hintergrund wird sich die Trennung in Online-Redaktion und Print-Redaktion mit der Zeit wohl überholen. Das gilt manchem Kollegen sicher immer noch als wahre Schreckensvision.
Bernd Kundrun, Vorstandsvorsitzender Gruner + Jahr
Online-Marke gefragt
Viele wissen noch nicht, was sie im Internet überhaupt wollen - ein großer Fehler. Und dann versuchen eben alle, Nachrichten zu machen, und insofern hat man überall jede Menge mittelmäßige Nachrichten. Das ist natürlich nicht das, was den Leser anspricht. Man braucht ein eigenes Profil, eine eigene Identität, das ist extrem wichtig. Wenn Sie es nicht schaffen, eine eigene Online-Marke aufzubauen, dann ist es ganz knifflig.
Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur des Spiegel, 2004 (in einem Interview mit dem Medium Magazin)
Glorreiche Vergangenheit schützt nicht
Wer glaubt, eine glorreiche Vergangenheit schütze ihn vor den durch den technologischen Fortschritt befeuerten Umwälzungen, wird scheitern und fallen. (..) Es ist von höchster Wichtigkeit, dass Zeitungen ihren Lesern die Auswahl ermöglichen, journalistische Inhalte über die Seiten der Zeitung oder über Webseiten wie ‘Times Online’ anzubieten oder - und das ist wichtig - über jede andere technische Plattform, die der Leser attraktiv findet, wie Mobiltelefone, mobile Lesegeräte iPods, was auch immer.
Rupert Murdoch, Medien-Tycoon und Ex-Internet-Skeptiker, 2006
Schwieriges bimediales Arbeiten
Im Aktuellen ist es undenkbar, dass ein Kollege alle Medien bedient. Es wird nicht möglich sein, dass ich einen Journalisten als eierlegende Wollmilchsau habe, der auf einen Schlag sämtliche Medien bedienen kann. Wir haben hier in unserer Redaktion auch eine solche Erfahrung gemacht. Wir sind ja nicht nur zuständig für das Online-Angebot www.tagesschau.de, sondern auch für die Nachrichten im Videotext. Da hat sich eben auch gezeigt, dass man nicht zeitgleich für beide Medien arbeiten kann.
Jörg Sadrozinski, Leiter der tagesschau.de-Redaktion
Medienmarken verschwinden
Die meisten der Medienmarken, die es jetzt gibt, werden meiner Meinung nach in zehn Jahren nicht verschwunden sein. Je höher die Medienkompetenz der Leute ist - und die steigt unaufhörlich -, desto mehr werden die Marken aber an Relevanz verlieren. Ich schätze, dass Glaubwürdigkeit von Inhalten dann vor allem an einzelnen Personen und Autoren festgemacht wird.
Katharina Borchert, Chefredakteurin des Online-Portals der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ)
Verlorene Gemeinsamkeit
Ich glaube, dass die Leute lernen, sich nicht auf Gatekeeper zu verlassen, sondern sich ihre Medien selbst zusammenbasteln: ihren Lieblingskolumnisten aus der Zeitung zusammen mit ihrem Lieblingsblogger. Gatekeeper sind vor allem wichtig für Leute, die nicht mit dem Internet aufwachsen und sich an der alten Ordnung orientieren. Die zählen darauf, dass es von den klassischen Gatekeepern, wie es bislang die Zeitungen oder Fernsehsender sind, Pendants im Internet geben wird. (..)
Als Gefahr bei der Individualisierung von Medien sehe ich allerdings, dass die Gemeinsamkeit verloren geht. Dass wir alle in derselben Welt leben, fast alle um acht Uhr die “Tagesschau” sehen und eine ähnliche Vorstellung davon haben, was in der Welt geschieht. Da habe ich doch Angst davor, dass das verloren geht. Schon jetzt merke ich, dass ich, seit ich so viel im Internet unterwegs bin, Freunde habe, mit denen es plötzlich wenig gemeinsame Gesprächsthemen gibt, weil sie sich in ganz anderen Welten bewegen. Das wird sich noch verstärken.
Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Blogger, 2007
Linktipp: Medienlese hat interessante Zitate zum Internet und zur Zukunft der Zeitung gesammelt
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